Saisonrückschau und -vorschau, Teil 3: Die Innenverteidiger

Wir blicken in mehreren Folgen mit Hilfe von Noten und Daten auf die Clubspieler 2021/22 zurück und auf die Clubspieler 2022/23 voraus. In Teil 3 geht’s um die Innenverteidiger.

Vier Innenverteidiger kamen beim Club in dieser Saison zum Einsatz, zwei davon über den Großteil der Saison, zwei nur sporadisch. Ein fünfter machte nur durch Platzverweise in der Regionalligamannschaft auf sich aufmerksam und verlässt den FCN nun.

Christopher Schindler (2888 Einsatzminuten; 88,4% der möglichen Minuten; 71,2% gew. Defensivduelle; 1 Tore; 1,77 expected Goals)

Der ehemalige Kapitän des TSV 1860 München und von Huddersfield Town war so etwas wie Dieter Heckings Königstransfer im vergangenen Sommer. Der 32-Jährige erfüllte in der vergangenen Saison die in ihn gesteckten Erwartungen fast vollständig. Führungsspieler, Stammkraft, reflektierter Kommunikator. Schindler passte perfekt ins Mannschaftsgefüge und spielte insgesamt auch eine ordentliche Saison. Die menschlichen Bewerter kamen auf Notenschnitte zwischen 2,96 (CU) und 3,28 (Kicker), zählte überall zu den besten Feldspielern beim Club.

Auch bei den statistischen Aggregatoren zählte der Münchner zu den besten Clubspielern. Begründet ist das zumindest teilweise in der recht hohen Quote an Defensivzweikämpfen, die von ihm gewonnen wurde. Auffällig ist allerdings auch, wenn man auf seine Zweikampfstatistiken – wie auf die der meisten anderen Club-Innenverteidiger schaut, dass Schindler wenig Zweikämpfe führt – verglichen mit anderen Zweitligainnenverteidigern. Das ist gewollt, wie Robert Klauß zu Protokoll gibt:  “Wir spielen wenig mannorientiert. Die Mannschaften, die mannorientiert spielen haben automatisch viele Zweikämpfe und foulen auch viel, weil sie wissen, dass sie sonst hinten in Unterzahl geraten.” 

Das sieht man auch, wenn man visualisiert, wie oft Innenverteidiger in der Zweiten Liga foulen und in den Zweikampf gehen. Schindler, wie auch die anderen Innenverteidiger spielen selten Foul, gehen aber auch deutlich seltener ins Duell als bei anderen Teams. So sind Schindler 0,47 Fouls pro 90 Minuten eben teilweise Symptom der Prinzipien des Spiels von Robert Klauß, zum Teil aber sicher auch seiner Umsicht und Routine geschuldet. Schindler wird auch in der kommenden Saison sicherlich erst einmal Innenverteidiger Nummer Eins sein. Nicht zwingend wegen seiner Verteidigungsstärke, hier nehmen sich er und seine Nebenleute nicht allzu viel. Aber eben wegen der angesprochenen Qualitäten in Sachen Ruhe, Ausstrahlung und Führung.

Asger Sørensen (2740 Einsatzminuten; 83,8% der möglichen Minuten; 66,9% gewonnene Defensivduelle; 1 Tor; 1,55 expected Goals)

Der Däne hätte der große Verlierer des Transfersommers 2021 werden können, da mit Schindler und Hübner zwei erfahrene Spieler auf seiner Position verpflichtet worden waren. Am Ende stand Sørensen fast 84 Prozent der möglichen Minuten auf dem Platz und war quasi durchgängig Stammkraft beim Club. In der Bewertung der Leistungen wurde Sørensen insgesamt etwas kritischer gesehen als Schindler (oder Hübner in seiner eingeschränkten Anzahl an Einsätzen). Im Schnitt lagen die Bewertungen zwischen 3,37 (Kicker) und 3,5 (nordbayern.de) – also sehr nahe beisamen.

Interessanterweise sehen die algorithmischen Notengeber von Sofascore und Whoscored Sørensen knapp als besten Innenverteidiger des FCN. Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass der 25-Jährige noch am ehesten damit betraut war, ab und zu sich in den Spielaufbau beim Club einzuschalten. Während Hübner, Schindler und Šuver (siehe Grafik 3) nur sehr selten per Pass oder Ball am Fuß für Raumgewinn sorgten, spielte Sørensen eine Rolle im Aufbau. Zusammen mit den Außenverteidigern und Johannes Geis kommt er auf die höchsten mannschaftsinternen Werte in Sachen Pässe für Raumgewinn. Er liegt damit allerdings immer noch nicht signifikant überdurchschnittlich hoch für einen Innenverteidiger im Ligavergleich. Dennoch erklärt diese Rolle im Aufbauspiel wahrscheinlich, warum er bei den Aggregatoren besser abschneidet.

In der kommenden Saison wird sich zeigen, inwiefern Sørensen seinen Stammplatz behalten kann. Das hängt zum einen davon ab, ob die beiden Ü30-Innenverteidiger Schindler und Hübner fit bleiben. Aber auch davon, ob Robert Klauß öfter mit Dreierkette spielt und wie er dann die Dreierkette besetzt. Seinen Vertrag hat Sørensen im Januar erst verlängert, wohl auch in der Aussicht, doch einiges an Spielzeit zu erhalten.

Florian Hübner (596 Einsatzminuten; 18,2% der möglichen Minuten; 70,0% gew. Defensivduelle; 0 Tore; 0,43 expected Goals)

Bedenken hinsichtlich der Verletzungsanfälligkeit von Florian Hübner wurden vor der Saison geäußert. Sie bewahrheiteten sich, allerdings eingeschränkt. Denn nicht Hübners Sprunggelenk, das immer wieder Probleme gemacht hatte in der Karriere, sorgte für einen langfristigen Ausfall, sondern eine Aktion von Sascha Mölders im letzten Testspiel vor Saisonbeginn. Die einstige “Wampe von Giesing”, die in der kommenden Saison in der Bayernliga Süd für den TSV Landsberg spielen wird, stürzte im Zweikampf auf Hübners Schulter. Zwei Spiele machte er noch unter Schmerzen, dann fiel er monatelang aus.

Zum Schluss der Saison machte Hübner dann noch vier Spiele über die volle Distanz, u.a. das kollektiv schwache Spiel in Kiel. Auch wenn die Stichprobengröße mit knapp 600 Minuten recht gering ausfällt, sieht man, dass Hübner gerade in den Duellen (Grafik 1 und 2) viel Qualität mitbringt. Etwas, das auch augenscheinlich in den Einsätzen, die er in dieser Saison bestritt, war. Hübners Routine in der Zweikampfführung kann ein Gewinn für den Club sein, sofern der 31-Jährige fit bleibt.

Angesichts dessen, dass Hübner seit 2016/17 nur eine Saison mit mehr als 1400 Minuten im Ligabetrieb hatte – und das meistens an Verletzungen lag – können natürlich daran Zweifel laut werden. Bleibt Hübner aber einigermaßen fit, ist er defensiv eine klare Verstärkung. Fürs Aufbauspiel (siehe Grafik 1) verwendet Robert Klauß seine Innenverteidiger eh nur in sehr geringem Maße, so dass mögliche Defizite von Hübner hier gar nicht so sehr zum Tragen kommen.

Mario Šuver (447 Einsatzminuten; 13,7% der möglichen Minuten; 54,5% gew. Defensivduelle; 0 Tore; 0,09 expected Goals)

Vor der Saison war unklar, ob Šuver sich überhaupt gegen Noel Knothe durchsetzen würde, am Ende der Saison hatte der Stuttgarter immerhin fast 450 Minuten auf dem Platz gestanden. In zwölf Partien kam der ehemalige kroatische U17-Nationalspieler zum Einsatz. Immer mal wieder, wenn spät in der Schlussphase auf Dreierreihe in der Abwehr umgestellt wurde. Aber auch in einer Phase um den 21. Spieltag, als nacheinander erst Sørensen, dann Schindler ausfielen, durfte der 22-Jährige dann mehrfach hintereinander ran. Das Problem: Am 21. Spieltag war das 0:5 zu Hause gegen Ingolstadt, das darauf folgende Spiel das 1:4 in Karlsruhe. Die Häufung an schlechten Bewertungen kommt also vor allem aus jenen beiden Spielen.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Šuver auch im ersten Spiel nach den aus den Pleiten geborenen Umstellungen gegen Regensburg noch am Platz stand und da dann eine mit ordentlich bewertete Leistung ablieferte. Beim Blick auf die Daten fällt auf, dass Šuver in den Duellen deutlich schwächer agierte als die anderen Innenverteidiger im Team. Allerdings sieht man schnell, dass die Stichprobengröße bei den Defensivduellen gerade einmal elf ist, was darauf hindeutet, dass der jeweilige Nebenmann öfter ins Duell ist, womöglich auch, um den jungen Mitspieler zu entlasten. In der Regionalliga führte Šuver mehr als doppelt so viele Defensivduelle wie in der Zweiten Liga – und gewann auch unauffällige 67,2 Prozent der Zweikämpfe gegen den Ball.

Nichtsdestotrotz ist Šuver natürlich klar Innenverteidiger Nummer Vier, wenn alle anderen Innenverteidiger fit sind. Angesichts von Verletzungsanfälligkeit und Alter der anderen Innenverteidiger ist allerdings nicht auszuschließen, dass er nicht mindestens genauso viel Einsatzzeit sieht wie in der abgelaufenen Spielzeit. Es ist nur die Frage, ob dem Spieler, der von sich selbst sagt, er sei nicht das größte Talent, genügt, beim Club die Nummer Vier zu sein.

Noel Knothe (0 Einsatzminuten; 0,0% der möglichen Minuten; 0 Tore; 0,00 expected Goals)

Fünfmal war der inzwischen 23-Jährige im Aufgebot. Eingewechselt wurde er nie. Damit konnte er nicht an die letzte Saison anknüpfen, wo er immerhin 273 Minuten in der Zweiten Liga auf dem Platz stand, ehe ihn eine komplizierte Sprunggelenksverletzung aus der Bahn warf. Auch deshalb rückte der Hesse in der Hierarchie hinter Šuver. Stattdessen spielte er in der Regionalligamannschaft des FCN und schaffte das Kunststück innerhalb von fünf Einsätzen drei Mal des Feldes verwiesen zu werden: Auf eine Rote Karte wegen Notbremse in der ersten Minute gegen Aschaffenburg, folgten zwei Spiele Sperre. Im ersten Spiel nach der Sperre sah Knothe in Aubstadt u.a. wegen Ballwegschlagens binnen fünf Minuten Gelb und dann Gelb-Rot. Zwei Spiele machte er nach abgesessener Sperre dann in Augsburg und Eltersdorf, ehe er in Memmingen erneut mit Ampelkarte vom Platz flog. Inwiefern diese Rotflut einen Anteil an der Entscheidung hatte, den Vertrag nicht zu verlängern, ist nicht überliefert. Knothe verlässt jedenfalls den FCN zum Saisonende.

Die Saison 2022/23

Vier Innenverteidiger stehen derzeit im Profikader des FCN. Normalerweise bedeutet das, dass noch eine Planstelle für einen U21-Spieler offen ist. Gut möglich, dass – wie bei Knothe und Šuver – aus dem Kreis der zweiten Mannschaft befördert wird. Wer sich hierfür aufdrängt, ist derzeit noch völlig offen. Theoretisch wäre auch denkbar, dass bei einem Engpass Kapitän Fabian Menig (28) bei den Profis aushilft. Der als Führungskraft geholte Innenverteidiger hat zumindest Drittligaerfahrung, gehört zwar eher zur Sorte rustikaler Abräumer, aber spielt zumindest routiniert. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass einer der noch zu verkündenden externen Zugänge für die U21 den Platz einnimmt. Oder aber der aus der U19 in die U21 aufsteigende Luca Ruiu schafft den Sprung, auch wenn das möglicherweise derzeit noch zu viel erwartet wäre. Bleiben Hübner und Schindler fit, ist die Frage nach dem fünften Innenverteidiger auch eher eine akademische. Fallen sie aus, was angesichts des Alters zumindest nicht unwahrscheinlich ist, rücken nicht nur Sørensen und Šuver ins Rampenlicht, sondern auch möglicherweise jener fünfte Innenverteidiger.

7 Gedanken zu „Saisonrückschau und -vorschau, Teil 3: Die Innenverteidiger

  • Komljenovic aus der U21, dem man anfangs einiges zugetraut hatte, spielte dann wohl doch keine größere Rolle in der Saison? Oder hat ihn eine Verletzung ausgebremst?

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  • Freitag, 17. Juni, Spielplan für die nächste Saison! Freunde seid ihr auch schon so flitzebogenmäßig gespannt wie ich? Zählt ihr auch schon die Tage, noch xxxx-mal schlafen, noch xxx-mal…? Saisonstart ist wie Weihnachten, wenn am Baum die Bengalo-Kerzen brennen. Oder wie Silvester, wenn die Raketen fliegen. Gestern beim Relegationsspiel Dresden gegen Kaiserslautern war auch Silvester. Prachtvolle Bilder! Endlich die Kurve wieder voll, endlich wieder Stimmung im Stadion! Das war ja in der letzten Saison lange nicht der Fall. Auch beim Club nicht. Als die Kurve wieder voll war, als die Ultras wieder da waren, war Fußball endlich wieder Fußball. Als die Ultras wieder da waren, Freunde, das war emotional elektrisierend! Sagt auch unser Trainer im NN-Interview. Der Fußball hatte seine Seele wieder, der FCN war wieder der Club…

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    • Dass Bengalos schier salonfähig sind nach der Rückkehr der Kurven in den Stadion, kann ich auch nur fassungslos verfolgen. Es gibt kaum ein Spiel ohne Pyrofackeln. Selbst so genannte Hochsicherheits-Spiele sind keinerlei Hinderniss, um Bengalos im großen Stil einzuschleusen. Das Pokalfinale war auch eine Leistungsschau der Pyrotechnik.

      Höhepunkt war das Relegations-Rückspiel zwischen Dresden und Lautern. Als aus dem Lauterer Block ein Teil ins Dresdner Publikum flog. Da hätten auch Kinder sitzen können! Oder am Ende des Spiels, als es aus Dresdner Frust Bengalos auf das Spielfeld hagelte. Unfassbar.

      Protegiert wird die Pyro-Party durch das verantwortungslose Verhalten von Spielern. Als Evertons Richarlison eine brennende Fackel zurück auf die Tribüne feuerte. Oder als Füllkrug mit einer Pyrofackel in der Hand im Block mitfeierte. Solche Bilder sind natürlich auch Freibriefe für Bengalo-Begeisterte. Und machen die gefährlichen Dinger salonfähig.

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  • Chiellini und Bonucci waren 36 und 34 Jahre alt, als Italien Europameister wurde. Da sind also noch paar gute Jahre im Tank für Schindler (32) und Hübner (31). Wenn die Beiden von großen Verletzungen verschont bleiben.

    Nicht verschont blieb Noel Knothe. Er hat damals Valentini so beherzt vertreten als RV. Dann aber fiel er aufgrund einer fiesen Verletzung lange aus und fand nicht mehr zurück in die erste Mannschaft. Man kann ihm nur mehr Glück wünschen für seine fußballerische Zukunft.

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    • Chiellini und Bonucci ist so das klassische Beispiel von “Survivorship Bias”. Nur weil es Spieler gibt, die länger auf hohem Niveau spielen, ist das nicht die Regel. Jetzt ist die Altersklippe je nach Position immer ein bisschen anders (https://cdn.theathletic.com/app/uploads/2021/11/12091055/age_dist-2-2048×2048.png) und die Zweite Liga verzeiht Innenverteidigern schon auch gewisse Defizite, aber beide sind sicher eher am Ende ihrer Karriere, ob das für die kommende Saison schon so unglaublich relevant wird, ist abzuwarten (sehe da ehrlich gesagt eher Hübner mit seinen vielen Verletzungen über die Karriere als Problem als Schindler, der älter ist) – anders als bspw. bei Valentini, der als AV früher an die Altersklippe kommt – aber es sind eben beide keine Jungspunde mehr und irgendwann schlägt das Alter zu.

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      • Hm. Ich war so stolz auf den Vergleich. Immer diese verdammten Fakten. 😉

        Du meinst also, man sollte besser mit dem Rauchen aufhören, obwohl Altkanzler Helmut Schmidt bis ins sehr hohe Alter Kette rauchte.

        Was ist denn das für ein Tag heute. Voller bitterer Erkenntnisse. Hoffentlich gewinnen wir nachher wenigstens im Eishockey. 😉

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