Sprachlos – aber nicht immer

In schöner Regelmäßigkeit ist Fußball doch immer das Gleiche,

sagte irgendwann einmal Ex-Club-Trainer Hans Meyer.

Ob die in dieser Sentenz festgestellte Regelmäßigkeit immer schön ist, sei dahingestellt, fest steht aber, dass sie bedingt, dass über Fußball in (un)schöner Regelmäßigkeit das Gleiche gesagt wird. So stellte ich nach Abschluss der vergangenen Saison unter besonderer Berücksichtigung der 2:4-Heimniederlage des Clubs gegen den SV Sandhausen, bei der der neunmalige deutsche Meister und vierfache Pokalsieger sämtliche vier Gegentreffer im Anschluss an einen Eckball kassierte und mit der er zart erblühte Aufstiegshoffnungen im Keim erstickte, resümierend fest (klick):

Was soll man noch sagen?

Ohne es zu wissen, wiederholte ich mit diesen Worten mehr oder minder prägnant das, was ein Club-Trainer im Oktober 1963 nach einem Spiel seiner Mannschaft den Journalisten in die Blöcke diktierte:

Ohne Kommentar, was soll man dazu schon viel sagen?

Wer dieser von akuten Wortfindungsproblemen befallene Trainer, der dann auch schnell beim 1. FC Nürnberg nichts mehr zu sagen hatte, war, erfährt man in Harald Kaisers in diesem Jahr erschienenen Buch “Der Club ist ein Depp. Aber nicht immer”, in dem der Autor die Flops und Tops der Geschichte des 1. FC Nürnberg wie in einem Kaleidoskop am Auge des Lesers vorbeiziehen lässt. Das Buch gliedert sich in 80 kurze Kapitel, ein Reigen von Anekdoten, die von der Frühzeit des FCN bis in die Gegenwart reichen und dem Club-affinen Leser Stoff zum Trauern (der Club ist ein Depp…), Jubilieren (aber nicht immer…) und häufig auch zum Schmunzeln (so isser halt, der Club…) bieten.

Bei der Lektüre dieser informativen und unterhaltsamen nicht chronologisch zusammengewürfelten Chronik begegnet man auf dem Olymp des Weltfußballs thronenden Stars wie Pelé und Eusébio – letzterer kam sich bei seinem Gastspiel in Nürnberg vor wie beim Eishockey – und heute weitgehend vergessenen Club-Ikonen wie Carl Riegel, der vor einem Spiel gegen die SpVgg Fürth durch ein Ofenloch in die Kabine des Gegners lugte und seinen Mannschaftskameraden zurief: “Schaut, wie die zittern!”, oder Hans Pöschl, der nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft 1948 zu Grasshopper Zürich wechselte und schon nach einem halben Jahr wieder zum FCN zurückkehrte, weil er aufgrund von Fifa-Regularien in der Schweiz keine Spielerlaubnis für Pflichtspiele erhielt, dort aber immerhin die Erfahrung machte, dass die eidgenössischen Kollegen vor dem Spiel Spiegeleier zu sich nehmen und nicht Wassersuppe. Und man begegnet immer wieder Trainern, z.B. einem Belgier, der mit einem Koffer voll Geld den Club so schnell wieder verließ (verlassen musste…) wie er engagiert wurde, einem Holländer, dessen erfrischende charakterliche Originalität mit halsstarrigem und verantwortungslosem Festhalten an einer Spielphilosophie einherging, die, so sympathisch sie den Gegnern war, den FCN in einen Abstieg führte, von dem sich der Verein bis heute nicht erholt hat, und einem Deutschen, der nach einem missratenen Spiel am nächsten Tag um sechs Uhr früh trainieren ließ, eine Maßnahme, auf die der jetzige Club-Trainer Robert Klauß nach dem Sandhausen-Desaster aus welchen Gründen auch immer verzichtete.

Wer es bislang noch nicht wusste, erfährt in Kaisers Buch auch, dass in Peter Handkes legendärem Gedicht “Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27. 1. 1968” ein falscher Spieler auftaucht. Ob der österreichische Poet da unsorgfältig recherchiert oder bewusst eine künstlerische Verfälschung vorgenommen hat, ist unklar. Klar ist aber, dass Kaiser – es sei ihm verziehen – falsch liegt, wenn er feststellt, dass es dem 1. FC Nürnberg seit dem glanzvollen 7:3-Heimsieg gegen Bayern München im Dezember 1967…

WABRA

LEUPOLD              WENAUER                L. MÜLLER                POPP

                   FERSCHL                             STAREK

CEBINAC              BRUNGS  (5)            STREHL (1 )              VOLKERT (1 )

…nicht mehr gelang, in einem Bundesligaspiel sieben Tore zu erzielen. Dieses Kunststück vollbrachte er sehr wohl noch einmal, und zwar in der Bundesligasaison 1986/87 im Heimspiel gegen Blau-Weiß 90 Berlin, das er…

Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg

vom 15. 11. 1986

KÖPKE

TH. BRUNNER                REUTER               GISKE

GEYER              SCHWABL              LIEBERWIRTH              GRAHAMMER     

PHILIPKOWSKI

STENZEL                                  ECKSTEIN

SPIELBEGINN:

15 Uhr

…durch drei Tore von Rainer Geyer, zwei von Rudi Stenzel sowie jeweils einem von Dieter Eckstein und Joachim Philipkowski satt mit 7:2 gewann (klick). Ein Sieg, der die These von der Regelmäßigkeit im Fußball in schöner Weise belegt, denn mit 7:2 hatte der FCN schon einmal gegen eine Berliner Mannschaft gewonnen, nämlich 1965 daheim gegen Tasmania (viermal Brungs, zweimal Flachenecker, einmal Reisch; klick).

Was die Trainer der Mannschaften, die mit sieben Gegentreffern im Gepäck die Heimreise antreten mussten, nach dem Abpfiff sagten oder ob sie überhaupt Worte fanden, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es seit langer Zeit zu selten vorkommt, dass der Trainer des Gegners nach einem Spiel gegen den 1. FC Nürnberg…

Sprachstörungen

…aufweist.

2 Gedanken zu „Sprachlos – aber nicht immer

  • 10.06.2022 um 16:20
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    Wenigstens ging es bei Rüdiger Rehm nach dem 6:0 des FCN in Wehen nach Spieltag 32 in 19/20 schwer in Richtung Sprachstörung denn ohne diese 3 Punkte wäre Profifußball in Nürnberg vielleicht nicht mehr möglich gewesen.

    • 10.06.2022 um 16:47
      Permalink

      Am 33. Spieltag dieser Saison war dann Jens Keller sprachlos – und hatte beim Club nicht mehr lange etwas zu sagen…

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