Gut durchgebraten

Nach der gestrigen 0:2-Heimniederlage des 1. FC Nürnberg gegen den Hamburger Sportverein – der zweiten Heimniederlage in Folge – plauderte Club-Trainer Robert Klauß im Interview mit den Sky-Reportern munter drauflos. Darauf angesprochen, dass die Leistung seiner Mannschaft in der zweiten Halbzeit einiges zu wünschen übrig ließ, äußerte er strahlend lächelnd seine Verwunderung über eine solche Spielwahrnehmung, die ja wohl nur von Leuten stammen könne, die ein anderes Spiel gesehen haben, und führte in fast schon aufreizender Aufgeräumtheit aus, dass Daferner ja schließlich kurz nach der Pause die Riesenchance zum Ausgleich hatte.

Dass mich die Vergegenwärtigung dieser so hochkarätigen wie unbeholfen vergurkten Torgelegenheit noch nach einer Nacht des Drüberschlafens verdrießlich stimmt, wo mich doch eigentlich die Tatsache, dass unsere Mannschaft in der zweiten Halbzeit überhaupt die Möglichkeit zum Ausgleich hatte, mit Frohsinn erfüllen sollte, liegt wohl daran, dass ich im Gegensatz zu Klauß keine Trainerlizenz habe. In Anbetracht meiner nachweislich mangelnden Expertise sollte ich vielleicht besser in Erwartung des Sonntagsbratens freudig schweigen, statt Unmut zu verbreiten, aber das Protokoll verlangt es nun mal, dass ich als Autor in diesem Blog meinen Senf zum Spiel abgebe.

Abbildung A

Von daher merke ich noch an, dass Daferner, der nach seinem Kopfballtor gegen Sandhausen von Tresenkamerad Hannes zum neuen Sascha Ciric ernannt wurde (klick), im weiteren Spielverlauf nach einer schönen Wintzheimer-Flanke den Ball mehr oder minder knapp am Tor vorbeiköpfte. Das war eine Chance der Kategorie “Kann man mit etwas Glück machen”, also kein Grund zu Kritik, sondern zu respektvoller Anerkennung, dass sich unsere Mannschaft in einem Zweitligaheimspiel eine Tormöglichkeit erspielt hat. Es kann ja nicht jeder Kopfball…

…sitzen. Und es kann auch nicht jedes Spiel…

…gewonnen werden.

Mit diesem sonntäglich harmonischen Fazit will ich die Nachbetrachtung dieser Partie beschließen und die Gelegenheit ergreifen, darauf hinzuweisen, dass ab sofort Club-Fans ihre Stadionbratwurst online vorbestellen können (klick).

Als ich diese frohe Botschaft vernahm, stieg in mir die Erinnerung an das Bundesligaheimspiel des Clubs gegen Borussia Dortmund in der Saison 1991/92 hoch, das ich zusammen mit meinem Onkel besuchte, der zu der glücklichen Generation gehört, die Max Morlock noch live in Aktion gesehen hat (klick). Als ich mit meinem Onkel, der heute 91 Jahre alt ist und sich – wie er mir kürzlich am Telefon sagte – über den FCN nicht mehr aufregt, zu unserem Sitzplatzblock ging, sagte er: “Wart mal, ich hol mir ne Bratwurtssemmel”, um dann, als er sah, dass die Würste kaum angebraten, also naggerd (siehe Abbildung A) herausgegeben wurden, von diesem Vorhaben mit den Worten “Die nehm’ ich nicht, ich verderb mir doch nicht den Magen” Abstand zu nehmen.

In diesem Spiel…

Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg

vom 3. 4. 1992

KÖPKE

BRUNNER               ZIETSCH                FRIEDMANN

DITTWAR                                DORFNER                                WAGNER

OECHLER                              GOLKE

ZARATE                               WÜCK

Spielbeginn:

20 Uhr

…ging der Club durch ein Elfmetertor von Zarate – vorausgegangen war eine hollywoodreife Flugeinlage Wücks – und einen Treffer von Wück früh mit 2:0 in Führung. Der Endstand war 2:1 (klick) und ich erinnere mich noch, dass, als der Dortmunder Anschlusstreffer gefallen war, hinter mir jemand sagte: “Super, so bleibt Spiel spannend!” und ich mich umdrehte und blaffte: “Ich gratuliere Ihnen! Ich gratuliere Ihnen ausdrücklich dazu, dass das Spiel spannend bleibt!”

Abbildung B

Ich gestehe, ich bin manchmal etwas barsch. Andererseits neige ich zu Scherzen. Als ich gestern Nachmittag nach dem Abpfiff des Drittligaheimspiels der Spielvereinigung Bayreuth gegen Rot-Weiß Essen, das 1:1 endete, das Stadion verließ, sagte ich einer spontanen Laune folgend in sächsischem Tonfall zu einem Essener Fan: “Sach’nse mal, Rahn hat heute wohl nich gespielt?”, woraufhin der mir den Weg verstellte und mich als Wichser, Dreckschwein und einiges andere bezeichnete. “Benehm’nse sich!”, sächselte ich weiter, “Was erlaub’nse sich!”, woraufhin der ungehobelte Bursche seine Bierflasche auskippte und schlagbereit in die Höhe hielt. “Unverschämtheit!”, raunzte ich ihn an, ehe zwei Platzordner den Rabauken unschädlich machten. “Hurensohn!”, schrie er mir hinterher. “Sie werd’n sich noch zu benehm’n lern’n!”, rief ich zurück.

Tja Freunde, Fußball ist nicht nur ein Spiel um Tore und Punkte, sondern ein Rundumerlebnis. Dazu gehört Gesindel der geschilderten Art genauso wie die…

…Bratwurst.

Ob diese im Max-Morlock-Stadion auch heute noch naggerd verkauft wird, weiß ich nicht. Falls ja, wird dann halt unsere Mannschaft vom Gegner kräftig durchgebraten (siehe Abbildung B). Es gleicht sich vieles aus. Im Fußball wie im Leben.

[Zum Spiel: klick, klick, klick.]

21 Gedanken zu „Gut durchgebraten

  • Bratwurst-Bier-App:

    Der typisch clubbsche Schildbürgerstreich: Ohne dieses famose Internetz, das im Stadion dann ab ca. 5min vor und 5min nach dem Spiel gar nie nicht vorhanden ist, kann sich kein Mensch über die App irgendetwas bestellen.

    Passt aber alles formidabel zusammen: Kein Internet, keine Bratwurst, kein Bier, kein Spielsystem, kein erfolgreicher Fußball.

    Die DNA des 1. FC Nürnberg 2022/23.

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    • Jede Kritik im Keim ersticken wollen oder gar nicht beantworten und von oben herab auf die Fans (die doch müssen) zu schauen, macht es zur Zeit sehr schwer mit meinem Glubb. Hauptsache gute Publicity. Herrn Rossow hatte ich einen sachlichen Brief zum Ticketing diese Saison geschrieben, mit meiner User Experience und praktischen Empfehlungen. Null Komma Null Feedback. Stattdessen in der Presse: ja gab Probleme wir bauen ja schließlich alles um / ui, warum wird des Stadion net voll / unser Publikum ist zu anspruchsvoll. Freunde von mir mussten einen Tag Urlaub nehmen, um an ihre Dauerkarte zu kommen. Wohnen 150 km weg. Ja sowas gibt es, anscheinend ist das unseren Verantwortlichen wurscht.

      Die Pre-Order Geschichte ist ein schöner Aprilscherz. Wie schon geschrieben wurde: ab 30 min vor dem Spiel geht kein Internet mehr, egal bei welchem Anbieter. Selbst wenn es theoretisch funktionieren würde, stellt man sich dann in der normalen Schlange an, um seine Bestellung abzuholen. Mehrwert ist dann den Bezahlvorgang einzusparen, der insgesamt am wenigsten Zeit im Anspruch nimmt. Tolles Konzept. Da haben wir noch ganz andere Baustellen, die dringend abgebaut werden müssen, aber wen juckt‘s. Die Fans laufen uns ja hinterher.

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  • Das im Artikel beschriebene Spiel gegen den BVB ließ mich zum Clubfan werden. Ich war damals 11 und mein aus Hessen nach Franken umgezogener Patenonkel lud mich zu diesem Spiel ein. War ein tolles Erlebnis damals. Ob die Würste nackerd waren, weiß ich allerdings nicht mehr so genau. Gestern standen die Clubberer aber wieder ziemlich nackerd da, so viel steht fest. Und die Zeiten, wo man mit einer ordentlichen Halbzeit gegen eine Spitzenmannschaft zufrieden sein kann, die sind vorbei. Diese Saison muss geliefert werden in Form von Siegen und Punkten. Es geht darum Erfolge zu erzielen nach zwei Jahren der Entwicklung. Ob unser Trainer das schon realisiert hat? Die Aussagen nach dem Spiel lassen daran zweifeln. Sein Chef hat sich da letzte Woche deutlicher ausgedrückt. Das bisher Gezeigte ist ungenügend.

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  • Die Bayreuther wollte ich mir auch schon mal wieder live ansehen. Tun sich im moment schon recht schwer in der 3. Liga. Haben zuviel Respekt und handeln da oft zu überhastet. Gegen Essen hätte man eigentlich 3 Punkte einfahren müssen. Wenn man dann im Stadion so einen durchgeknallten Fan trifft, das kann einem die Stimmung ganz schön vermiesen. Aber naja, die Altstädter werden sich schon noch fangen. Beim Club erwarte ich jetzt eine Steigerung gegen Braunschweig. Die Unsicherheit und die schnellen Fehlpässe, die ungenauen Flanken in den Strafraum. Die wenigen Chancen, die man zu überhastet vergibt. Man kann nur hoffen, dass der Trainer das erkennt.

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    • @Hans
      Kann ich mir leider nicht vorstellen – Flanken kommen schon seit Jahren keine brauchbaren( könnte man vielleicht trainieren???), weshalb alle bisherigen in den Vorvereinen erfolgreichen Mittelstürmer keine Tore mehr schießen.

      Unser Trainer sieht das ja anscheinend anders…

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  • Sehr schöne Sichtweise. Die Schönfärberei von Klauß ist ein Baustein des Dilemmas einer mittelmäßigen (derweil schwachen) Zweitligamannschaft. Wenn der Daffi nicht trifft und der Geisi keine Pässe an den Mann bringt, nützt auch der Fabi nichts. Dass der Club bestenfalls auf der Stelle tritt, darf als positiv gesehen werden. Gestern hatte die Mannschaft gegen den HSV nie den Hauch einer Chance. Und das, obwohl der Gast durchaus durchwachsen bis mittelmäßig aufgetreten war. Wäre der HSV eine Spitzenmannschaft und hätte aufgedreht, wären mindestens vier Buden gefallen.

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    • So ein Humbug, der HSV hat diese Saison alle Auswärtsspiele gewonnen,.. das ist KEINE mittelmäßige Zweitligamannschaft wer sowas glaubt hat noch nie etwas von Fußball verstanden sorry. Der HSV ist diese Saison die Benchmark der 2. Liga, spielerisch waren sie die letzten Jahre schon immer das stärkste Team, scheitern halt gerne mal an ihren Nerven. Den Gefallen taten sie uns gestern eben nicht.

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      • @Juwe

        Derjenige mit der meisten Ahnung vom Fußball scheinst ja Du zu sein, sorry🙈

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  • Recherchen in meinem Gedächtnis haben ergeben, dass ich, damals 21-jährig, bei diesem Spiel auch im Stadion war. Also 1992 beim 2:1 gegen Borussia Dortmund, als der Rasen so kaputt war. Bewegte Bilder finden sich sogar in Youtube, und zwar hier:
    https://youtu.be/FijE4d9cO9A?t=535

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    • Am Samstag haben die Ultras gefeiert. Ein Fest mit den Wiener Brüdern. Tolle Sache. Am Ende wurde gejubelt und gefeiert. Es wurde ein klasse Video produziert und prompt veröffentlicht. Im Steher hatte man den Eindruck, dass es an diesem Tag nur um Self-Promo ging und nix anderes.

      Also nicht wie unser Trainer meinte, weil alle zufrieden waren, sondern weil sich’s schlecht weiterfeiert, wenn vorher die Mannschaft kritisiert werden muss. HZ2 hat fast die Stimmung und das Fest kaputt gemacht. An einem normalen Tag hätte es ganz sicher Kritik gegeben. That‘s live. Was mich ärgert ist, dass das RK in seiner Schönfärberei gelegen kommt.

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      • RK redet sicher viel schön, das ist unbestritten. Jeder Strohhalm wird gern genommen, um die schlechten Spiele zu rechtfertigen.
        Mal ist es eine Mannschaft, die noch nicht eingespielt ist. Mal sind es die aktuell Verletzten. Mal sind es die hohen Erwartungen. Um eine Ausrede ist der Trainer nie verlegen.
        Reden kann er.
        Mit den Taten sieht es leider nicht so gut aus, die Spiele werden immer unerträglicher zum ansehen und von einer sportlich, positiven Entwicklung sind wir aktuell so weit entfernt wie von der 10. Meisterschaft.
        Ich persönlich kann seine leeren Worte nicht mehr hören und erhoffe mit zeitnah einen Übungsleiter, der wieder mehr Wert auf Taten legt.

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        • Möglicherweise sollte man sich auch mal auf Fanseite hinterfragen, ob man es nicht eher selbst ist und nicht der Trainer, der eine unrealistische Sicht auf die Spiele hat. Wenn man bspw. das Spiel am Samstag dermaßen schlecht redet, wie es hier und anderswo getan wird, dann wirkt auch eine relativ realistische Einschätzung wie die des Trainers wie Schönfärberei und Erklärungen als Ausreden abzukanzeln ist dann eben auch weder fair noch realistisch, sondern einfach nur Frust über die Ergebnisse.

          Ganz nüchtern betrachtet hatte der HSV keine besseren Chancen (xG je nach Anbieter ungefähr gleich oder mit leichten Vorteilen für eines der beiden Teams), hatte nicht mehr vom Ball (Ballbesitz ungefähr gleich), hatte weniger Abschlüsse und weniger Angriffe, war schwächer in den Duellen (52:44 für den Club bei 4 % neutralen Duellen) und war häufiger im Strafraum am Ball. Dass der Trainer dann von einem ausgeglichenen Spiel spricht, ist absolut nachvollziehbar. Dass man das aus subjektiver Stadionwahrnehmung anders sieht, ist es auch, aber dass man sich dann einfach auf den Standpunkt zurückzieht, dass der Trainer unrecht hat und Schönfärberei betreibt, obwohl er Sachargumente hat und man selbst nur ein Gefühl, ist es dann nicht mehr.

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          • Ja, das kommt natürlich auf die Sichtweise an.
            Verletzte und Gesperrte Spieler hat jede Mannschaft zu verzeichnen. Mal mehr, mal weniger. Das muss jeder Kader wegstecken können.
            Dennoch muss man ein System erkennen können und das kann ich absolut nicht. Die Spiele anzusehen ist einfach seit langem eine verdammt harte Kost.
            RK darf den Bock gerne umstoßen, der Glaube daran wird allerdings immer geringer.

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            • Das ist aber ne andere Diskussion. Es geht ja um die Bewertung des Hamburg-Spiels. Und wenn er da von einem Spiel auf Augenhöhe spricht, kann man ihm – nüchtern gesehen – nicht widersprechen. Er sagt im persönlichen Gespräch ja dann auch, dass beide Teams deutlich schlechter waren als im März – und das auch für den HSV gilt, obwohl da deutlich mehr Spieler identisch waren als beim FCN. Dass HSV und FCN in dem Spiel gleichwertig waren – mMn allerdings nicht auf hohem Niveau – ist aber halt keine Schönfärberei, sondern schon eine nachvollziehbare Ansicht. Dass man in den offensiven Abläufen massive Probleme hat und dass das dann oft nach vorne richtig schlimm ausschaut, das ist was anderes.

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              • Also in der ersten Halbzeit haben meiner Meinung nach beide Mannschaften ein gutes Zweitligaspiel gezeigt. Das es in der zweiten Halbzeit ausgeglichen war, lag daran, daß der HSV nur das Nötigste gemacht hat, und es dem Club an allem Nötigen (Kraft, spielerische Mittel, unbedingter Wille, Spielanlage) fehlte. Also aus meiner Sicht hat der HSV das Spiel ausgeglichen aussehen lassen. Ist aber natürlich mein subjektiver Eindruck. Das es vielleicht schwer fällt, dieses Spiel einzeln zu betrachten ohne die vorherigen, miesen Auftritte seit einem halben Jahr emotional einfließen zu lassen, mag sein. Vielleicht wird man da etwas unsachlich, kann schon sein. Fakt ist, wir brauchen Punkte. Sechs an der Zahl aus den nächsten beiden Spielen.

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        • Ein Fussballquiz an so manchen hier,
          Wieviel Jahre ist es her, dass Euch ein Trainer gepasst hat?

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          • Rene Weiler war das. Er hat aus der damaligen Mannschaft meiner Meinung nahezu das Optimum raus geholt und das spielen lassen, was die Truppe kann.

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            • Seh ich genauso. Wenn mich nicht alles täuscht wurde Weiler bereits vor Ismael als Trainer gehandelt. Bader entschied sich erst für Ismael und holte Weiler dann als Ismael scheiterte.

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